Buchdruck mit beweglichen Lettern vor Gutenberg Mit Lochkarten gewebtes Stundenbuch und Handschrift eines Scharfrichters Vorschau auf die Frühjahrsauktionen 2013 bei Reiss & Sohn in Königstein/Taunus
Königstein (Taunus), im April 2013. - Als Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern gilt bekanntermaßen der Mainzer Johannes Gutenberg. Doch schon vor Gutenberg wurden, wenn auch nur in kleinsten Stückzahlen, im fernen Korea Bücher mit beweglichen Kupferlettern gedruckt. Eines dieser raren Zeugnisse der frühen ostasiatischen Druckkunst wird auf den kommenden Frühjahrsauktionen bei Reiss & Sohn angeboten, die vom 23. bis zum 25. April in Königstein stattfinden. Das Werk, das eine konfuzianische Auslegung der chinesischen Philosophie enthält, wurde um 1440, also mehr als 10 Jahre vor der Gutenberg-Bibel, in Seoul gedruckt. Für das nur 16 Blatt umfassende Büchlein erwartet das Auktionshaus 60.000 Euro. Das teuerste Objekt findet sich jedoch im separaten Geographiekatalog. Ein vollständiges Exemplar des sechsbändigen Blaeu-Atlasses in der holländischen Ausgabe, erschienen 1642-62 in Amsterdam, wird mit 120.000 Euro angeboten.
Weitaus umfangreicher als der schmale koreanische Druck sind die meisten der mehr als 80 westlichen Drucke des 15. Jahrhunderts, die bei Reiss angeboten werden. Das Angebot reicht von dem um 1470 in Straßburg gedruckten Liber Sextus des Papstes Bonifaz VIII. (25.000) bis zur allerletzten Inkunabel, einer am 31. Dezember 1500 in Venedig gedruckte Ausgabe von Antonius Rampigollis (3.000). Besonders hervorzuheben sind weiterhin das „Opus restitutionum“ des Franciscus de Platea in einem Krakauer Druck aus dem Jahr 1475 (60.000) und die mit Holzschnitten illustrierte „Erklärung der zwölf Artikel des christlichen Glaubens“ von 1485 (25.000). Das einzige vollständig erhaltene Exemplar eines Augsburger Einblattkalenders von Jobst Hordt für das Jahr 1485, in dem die richtigen Zeiten für den Aderlass und die Einnahme von Medikamenten angezeigt werden, ist ebenfalls mit 25.000 Euro taxiert.
Die Umwälzungen, welche die Erfindung des Buchdrucks mit sich brachte, sind nur mit denen der Entwicklung der Computertechnologie im 20. Jahrhundert zu vergleichen. Doch bereits 1886-87 hatte der Pariser Verleger Roux den Versuch unternommen, ein Buch mit Hilfe der von Joseph Marie Jacquard entwickelten Lochkartentechnik herzustellen. Das Ergebnis war ein automatisch aus Seide gewebtes Gebetbuch (10.000). Wegen der aufwändigen Technik blieb dies ein einmaliges Experiment, erst 100 Jahre später wurde die Nutzung von Computern zur Buchherstellung zur Normalität.
Neben gedruckten Büchern werden auch viele interessante Handschriften und Autographen angeboten, darunter lateinische Stundenbücher aus dem 15. Jahrhundert zu Taxen zwischen 8.000 und 30.000 Euro sowie ein zehnbändiges, äußerst prächtig illustriertes und gebundenes Freimaurer-Manuskript, entstanden um 1775 in Leipzig (35.000). Besonders bemerkenswert ist eine mit „Hortus Sanitatis“ überschriebene Handschrift, die der schwäbische Scharfrichter Maximus Fidelis Steigendesch im 18. Jahrhundert verfasst hat. Die in seinem Beruf erworbenen anatomischen und medizinischen Kenntnisse lässt er hierin der Allgemeinheit zugutekommen (15.000).
Insgesamt kommen etwa 300 Titel aus den Bereichen Medizin, Technik und Naturwissenschaften unter den Hammer. Besondere Aufmerksamkeit verdient eine Sammlung von Werken des jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher, die zu Schätzpreisen zwischen 1.500 Euro für seine „Neue Hall- und Thon-Kunst“ von 1684 und 12.000 Euro für den „Oedipus Aegyptiacus“ (1652-55) angeboten werden.
Gewohnt umfangreich und von hoher Qualität ist das Angebot an Atlanten. Neben dem bereits erwähnten Blaeu-Atlas ragen unter anderem Pieter van der Aas 1714 erschienener „Atlas Nouveau et Curieux“ (38.000), Ortelius’ „Theatrum orbis terrarum“ in der Antwerpener Ausgabe von 1584 (50.000) und der von einer zeitgenössischen Hand kolorierte Straßburger Ptolemäus-Atlas aus dem Jahr 1525 (60.000) heraus. Außergewöhnlich prachtvolle Ansichtenwerke sind die 1809-19 bei Didot in Paris gedruckte „Voyage pittoresque de Constantinople“ von Anton Ignaz Melling (50.000) und das 1829-34 ebenfalls in Paris erschienene „La Grèce“ von Otto Magnus von Stackelberg (30.000).
Auch in dem ausgewählten Angebot von Landkarten fällt der Name des griechischen Geographen Ptolemäus ins Auge. Altkolorierte Karten aus den Ulmer Ausgaben von 1482 und 1486 sind nur selten auf dem Markt zu finden, hier werden unter anderem Griechenland (6.000), der Nahe Osten (10.000), Südostasien (6.000) und die Türkei (8.000) angeboten. Ein weiteres außergewöhnliches Objekt ist eine mehr als einen Meter breite chinesische Manuskriptkarte aus dem 18. Jahrhundert, welche die Welt aus der Sicht der Ming-Dynastie zeigt (16.000). Dazu kommen fast 900 weitere seltene und ungewöhnliche Karten sowie dekorative Grafiken, darunter besonders viele Einblattdrucke.
Zu allen Auktionen erscheinen reich illustrierte Kataloge. Das vollständige Auktionsangebot, mit vielen zusätzlichen Abbildungen und durch eine Volltextsuche erschlossen, finden Sie auch auf unserer Website. Weitere Informationen und Bildmaterial erhalten Sie bei:
Reiss & Sohn,
Adelheidstrasse 2, 61462 Königstein im Taunus, Tel. 06174-92720
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