Los 11 *
Psalterium, Handschrift auf Pergament
verkauft
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Auktionsablauf:
25.10.2022 / Los 1-44 / Sitzungsbeginn 13.00 Uhr
Psalterium Latinum. Incipit "Beatus vir qui non abiit..." Handschrift auf Pergament. Südflandern um 1280. Blattgr. 11,2:8,7 cm, Schriftspiegel 7,0:4,5 cm. 18 (Kalendar: 33) Zeilen. Regliert, mit brauner Tinte in gotischer Buchschrift geschrieben, unzählige etwa einzeilige Anfangsinitialen, alternierend in Gold oder Rot mit Fleuronné in Rot oder Blau, Zeilenfüller in Rot, Blau oder Gold. Mit 9 zehnzeiligen Initialen mit Miniaturen in Deckfarben (je ca. 4:4 cm) auf Goldgrund mit jeweils weit in den Rand (teils nahezu umlaufend) reichenden Verzierungen aus Stableisten, teils aus Drachen gestaltet oder mit kleinen Tieren besetzt, ferner 12 Kalenderminiaturen (je ca. 5,1:2,9 cm) aus Gold und Farben sowie einer größeren B(eatus Vir)-Initiale des 15. Jahrhunderts (7:7 cm), sowie ca. 180 meist dreizeiligen (vielfach mehrzeiligen bis über den ganzen Schriftspiegel reichenden) Initialen in Blau, Rot und Gold mit weißen Federlinien im Buchstabenkörper sowie teils weit in die Ränder auslaufend. 204 Bll. Blindgepr. Halblederband über Holzdeckeln aus altem Material, jeweils 1 Blatt Vor- und Nachsatz aus einem alten Musikmanuskript, alter dreiseitiger Goldschnitt.
Prächtiges reichgestaltetes Psalterium in der Art süd-flandrischer Handschriften, wie sie im Umkreis des Psalters von Guy de Dampierre, Graf von Flandern (Kgl. Bibliothek Brüssel Ms. 10607) entstanden sind (vgl. C. Gasper und F. Lyna, Les principaux manuscrits à peintures de la Bibliothèque Royale de Belgique, Brüssel, 1984, S. 217-228 und 236-239). Die Ähnlichkeit in der Gestaltung, Dekoration, Ausführung der Figuren und der Komposition ordnen unsere Handschrift in diese Gruppe ein (vgl. Ms. 61 der Sammlung Chester Beatty in: E. Millar, The library of Chester Beatty, A descriptive Catalogue of the Western Manuscripts, Oxford 1927, ii, S. 75-80 und Tafel CXXVII). Einen weiteren Hinweis geben die Gestaltung der Stableisten mit Abschlüssen aus Drachenköpfen und kleinen Vögeln sowie das Federwerk wie sie in der Handschrift Ms. fr. 25516 in der Bibliothèque Nationale, Paris, aus der Bibliothek der Margarete von Flandern (gest. 1405) nachzuweisen sind, die wiederum ihren Ursprung in Französisch-Flandern findet (Patrick de Winter, La bibliothèque de Philippe duc de Bourgogne, Paris 1986, S. 77 & 79 & abb. 43).
Text: fol 1-6v Kalendarium; fol. 7v-182v Psalterium; fol. 183-200v Gesänge; fol. 200v-201v Litanei. Der Schluß der Litanei scheint zu fehlen. Das Kalendarium wurde um einige Heilige von mehreren (mindestesn 4 ?) Händen ergänzt. Dazu gehört beispielsweise der Gedenktag für St. Omer (9. Sept.), die Depositio des St. Bertin (5. Sept.) oder die Einfügung der Gedenktage für St. Hugo von Grenoble (1. April) oder St. Bruno (6. Oktober), letztere weisen auf das ehemalige Eigentum eines Karthäuserklosters hin.
Miniaturen im Kalendarium mit Personen und ihren jahreszeitlichen Tätigkeiten:
Januar (fol. 1, zweigesichtiger Mann am gedeckten Tisch mit Kelch und Fisch); Februar fol. 1v, Frau mit Kerze, 2. Februar Kerzenmesse); März (fol. 2, Baumschnitt); April (fol. 2v Junger Mann mit Blume); Mai (fol. 3 Falkenjagd); Juni (fol. 3 v. Holzträger); Juli (fol. 4 Mäharbeit); August (fol. 4v, Ernte); September (fol. 5, Obsternte); Oktober (fol. 5v, Sämann); November (fol. 6, Eichellese für Schweinefutter); Dezember (fol. 6v, Schweineschlachtung zum Christfest). - Die Juli Miniatur in der Gestaltung sehr ähnlich der in der Handschrift Ms. N. 19, fol. 3, Cambridge, St. John's Trinity College, in: Randall, Lilian M. C. Flemish Psalters in the Apostolic Tradition (=Gatherings in Honor of Dorothy E. Miner, Baltimore, 1974, p. 171-191).
Historisierte Initialen: Geisselung (fol. 35v); Kreuztragung (fol. 52); Kreuzigung (fol. 66v, Bordüre mit kleiner Hasengroteske); Kreuzabnahme (fol. 67v); Grablegung (fol. 84); Auferstehung (fol. 103, Bordüre mit kleinem Hund); Christus erlöst die Sünder aus der Hölle (fol. 122v); Himmelfahrt (fol. 124v, Bordüre mit Hase); Pfingsten (fol. 142v, Bordüre mit Hund).
Zustand: Eine neuere Bleistiftfoliierung, der unsere Angaben folgen, überspringt die Blätter zwischen fol. 52 und 53 sowie 90 und 91 und 122 und 123. Gering gebräunt und etwas angestaubt sowie geringe Abnutzungen; Kalendenabkürzung KL im Kalendar teils oben angeschnitten, ebenso wenige Ausläufer der drei oder mehrzeiligen Initialen sowie die äußersten Enden des Fleuronné und der Stableisten der historisierten Initialen; kleine Absplitterungen bei den Miniaturen, inbesondere der weißen Farbe; einige frühe Textkorrekturen in sorgfältiger gothischer Schrift, ebenfalls Korrekturen von mehreren mittelalterlichen Schreibern im Kalender.
Provenienz: Karthause Abtei von Val-Ste-Adelgonde, St. Omer, gegründet 1298-1299 von Jean de Ste-Adelgonde, seigneur de Nortkelmes (alter, nur unter Ultra-Violet Licht sichtbarer Besitzvermerk auf fol. 7v "pro domo Carthusianorum iuxts Sanctam Audomarum". Das Kloster wurde 1792 aufgelöst; Sotheby's, Auktion 7. Dez.1982, lot 44; Schweizer Privatsammlung.
Magnificent, richly designed Psalter in the style of South-Flanders manuscripts, as they were produced around the Psalter of Guy de Dampierre, Count of Flanders (Kgl. Bibl. Brussels Ms. 10607). - Manuscript on vellum. 204 leaves with 9 historiated initals with rich decoration and numerous decorated lombards and up to 10-line initials in gold an coloures as well as Fleuronné. A recent pencil foliation, followed by our description, skips the leaves between fol. 52 and 53 as well as 90 and 91 and 122 and 123; end of Litany seems missing. Slightly browned and somewhat dusty as well as minor wear; calendar abbreviation KL in the calendar partly cut at the top, as well as a few extensions of the three or more-line initials as well as the outermost ends of the fleuronné and the bar borders of the initials with miniatures; small flaking in the miniatures, especially of the white colour; some early text corrections in neat Gothic script, also corrections by several medieval scribes in the calendar. - Blindstamped half-leather binding over wooden boards of old material, 1 leaf each of preliminaries and postscript from an old music manuscript, old three-sided gilt edges.
