Los 758 *
Horae B.M.V für den Gebrauch von Troyes. Anfang 15. Jh.
verkauft
verkauft
Auktionsablauf:
30.10.2024 / Los 738-840 / Sitzungsbeginn 14.30 Uhr
Horae B. M. V. Lateinisches und französisches Stundenbuch für den Gebrauch von Troyes. Handschrift auf Pergament. Nordfrankreich, Anfang 15. Jh. Blattgr. 19,5:8,5 cm, Schriftspiegel 9,4:6,3 cm. 14 Zeilen (Text) und 19 Zeilen (Kalendar), in blassem Rot regliert. Mit dunkelbrauner Tinte in regelmäßiger Textura geschrieben. Hervorhebungen in Rot. Mit 13 großen Miniaturen in Gold und Farben mit gemusterten Rahmen und ganzs. Bordüren sowie 2 großen, wohl späteren Miniaturen um 1600 in Grisaille-Malerei in schmalen Goldrahmen, ca. 148 seitlichen (davon 3 3-seitig) Bordüren, 19 3-4-zeiligen Initialen in Gold u. Farben, 4 Fleuronné-Initialen mit Ausläufern sowie zahlr. 1-zeiligen Initialen u. Zeilenfüllern in Flüssiggold auf hellblauem u. hellrotem Grund. 2 weiße, 178 beschriebene Bll. Gotischer originaler Lederband über Holzdeckeln mit durchzogenen Lederbünden, Deckel mit Streicheisenlinien u. runden Blindstempeln mit Umschrift "S. Dov. Bailliage de Lanzecourt", berieben u. beschabt, Rücken am Kopf mit repariertem Ausriss, Deckel mit kl. Wurmlöchern, Schließbänder fehlen; in neuerer roter Maroquin-Kassette mit goldgepr. Rtitel.
Prachtvoll illuminiertes Stundenbuch auf sehr breitrandigem Pergament. Das Totenoffiziums wird im Incipit ausdrücklich definiert für den Gebrauch von Troyes ("secundum usum trecensis ecclesie"). Ebenso entsprechen die Gebete des Marienoffiziums diesem Gebrauch, und auch die Heiligen Helene (4. Mai, in Rot), Mastidia (7. Mai, in Rot), Syra (8. Juni) und Maura (21. September) im Kalender und in der Heiligenlitanei (dort auch noch Vinzenz u. Malachias) verweisen auf Troyes. Die Miniaturen lassen sich mit der Werkstatt des Meister des Stundenbuchs von Rohan in Verbindung bringen. Die Schaffenszeit des Maître Rohan in Troyes und Paris ertsreckte sich auf die Jahre 1415-1420. Bemerkenswerte stilistische Ähnlichkeiten ergeben sich insbesondere im Vergleich mit einem Stundenbuch für den Gebrauch von Troyes in der Bibliothèque Saint-Genevieve (ms 1278). Der attraktive gotische Originaleinband des Stundenbuchs ist mit Streicheisenlinien in Felder unterteilt, worin die runden Blindstempel ein Bandmuster ergeben. Die runden Stempel haben mittig ein leeres Wappenschild u. umlaufend die Schrift "S. Dov. Bailliage de Lanzecourt" (Lanslebourg-Mont-Cenis im Département Savoie?).
Text:
Kalendarium, fol. 1-12v; Sequenzen der Evangelien 13-18v (in der ungewöhnlichen Reihenfolge Lukas, Matthäus, Markus, Johannes); Horen des Hl. Geistes 19-23r; Horen des Hl. Kreuzes 23v-28r; Marienoffizium für den Gebrauch von Troyes 29-86v; Bußpsalmen 87-101v; Litanei 102-107r; fol. 108 regliert u. ohne Text; Totenoffizium 109-155r, Mariengebet "O intemerata" (maskulin verfasst) 155v-158r, Die sieben Freuden Mariens (französisch) 158v-165r; Sieben Bußpsalmen (französisch) 165v-169r; folgen 3 Gebete, die in der Hl. Messe vor und nach der Kommunion rezitiert werden: "Domine Jhesu Christe qui hanc sacratissimam carnem et preciosissimum sanguinem" 169v-170r, "Adoro te corporis et sanguis" 170r-170v sowie "Ave sanctissimum sancratissimum et preciosissimum corpus Christi" 170v-171r; als Nachträge aus der 2. Hälfte des 15. Jh. folgen: Suffragien an ausgesuchte Heilige, geschrieben in gotischer Buchkursive von verschiedenen Händen auf reglierten (identisch mit den vorherigen) Blättern, unter Auslassung der Initialen, auf fol. 171v-172v. Weitere Fürbittgebete in gotischer Textura an den Hl. Michael, den Hl. Adrian u. die Hl. Margareta folgen auf den nicht reglierten Blättern 173-175r und vier weitere Gebete von verschiedenen Händen des frühen 16. Jh. auf fol. 175v-178r, darunter Stabat Mater Dolorosa, Ave Maria Magnificat u. ein Gebet an den guten Engel.
Buchschmuck:
In den schönen farbigen Miniaturen werden ausgesprochen langgliedrige Figuren auf karierten Mustergründen in Rot, Blau und Gold in Szene gesetzt. Dreiecksmustergründe in Grün und Schwarz gestalten jeweils die Grundflächen von Innenräumen, ein landschaftliches Ambiente wird jeweils durch Wiesenböden angedeutet. Durch die reduzierte räumliche Gestaltung und sparsame Möblierung werden die Figuren mit ihren teils expressiven Gesten und Bewegungen besonders in den Vordergrund gestellt. Diese Stilmerkmale sowie die in weiß aufgetragenen Streifenmuster der Gewänder, das Kolorit in Blau und Orangerot und nicht zuletzt die gesamten Bildkompositionen verweisen auf die Werkstatt des Meisters von Rohan. Die seitlichen Bordüren der Kalender- u. Textseiten in Gold u. Farben bestehen aus Dornblattranken mit kleinen Blüten, beim Kalendarium sind die Bordüren auch an den oberen Rand fortgeführt. Die großen Emailtyp-Initialen sind im Mittelfeld mit floralen Rocaillen auf Goldgrund besetzt. Die Miniaturen zeigen: Pfingsten, hier in außergewöhnlicher Weise ohne Maria (fol. 19), Kreuzigung (fol. 23), Verkündigung, hier mit einem zusätzlichen Engel, der für Maria ein aufgeschlagenes Buch hält (fol. 29), Mariä Heimsuchung (fol. 41), Geburt Christi, Maria und Jesus sind hinter einem Zaun separiert (fol. 54), Verkündigung an die Hirten (fol. 60), Anbetung der Heiligen Drei Könige (fol. 65), Darbringung im Tempel (fol. 69), Flucht nach Ägypten (fol. 73), Marienkrönung (fol. 81), Christus als Schmerzensmann in der Figur des Weltenrichters (fol. 87), Lesung des Totenoffiziums mit Mönchen, Klerikern und Dominikanern (fol. 109), Maria mit dem Jesuskind, in ungewöhnlich 'familiärer' Darstellung mit auf dem Schoß spielendem Knaben und einem Engel, der liebevoll auf das Kind blickt und sich dabei auf Marias Sessellehne stützt (fol. 158v). Die am Schluss zugefügten Miniaturen in vorzüglicher, anmutiger Grisaille-Malerei zeigen den Hl. Michael beim Töten des Drachens und den Hl. Adrian mit Schwert und Amboss auf einem Löwen stehend, beide in architektonischem Ambiente päsentiert und in schmalen goldenen Rundbogen mit Blätter-Pfeilern gerahmt. Beide Heilige tragen gotische Plattenpanzer-Rüstungen aus der Zeit des ausgehenden 15. Jahrhunderts. - Mit hs. altem Besitzeintrag "Francoys de Varney" auf dem zweiten vorderen weißen Blatt. Stellenw. gering fleckig, fingerfleckig oder angestaubt, ganz vereinzelt mit kleinen Farbwischern, 1 Bl. mit ergänzter kl. Fehlstelle im weißen Rand, 1 Bl. mit organischem Pergamentfehler, 1 Bl. mit kl. Wachsfleck im Bundsteg, 1 Textbl. etwas stärker berieben, 1 Bl. mit ergänzter unterer Ecke, das Malereien insbesondere auch Gesichter teils abgerieben. - Provenienz: Schweizer Privatsammlung.
Latin and French Book of Hours for the use of Troyes. Manuscript on parchment from the beginning of the 15th century. Two first white leaves and 178 handwritten leaves with 13 large miniatures in colours an gold that can be attributed to the workshop of the Master of Rohan. Attached at the end are 2 large miniatures in grisaille by another painter. The 13 miniatures are framed by borders at 4 sides. The text pages partly are decorated with one-sided borders. There are 19 3-or 4-line initials, 4 fleuronné initials and countless small initials and line-fillers, all painted in gold and colours. - Old ms. owner's entry to the second white leaf. Some spotting, finger- or duststaining in places, minor small colour smudging in places, small wax spot to 1 leaf, rubbing to 1 leaf of text, closed small hole to white margin of 1 leaf, organic flaw in the parchment of 1 leaf, miniatures partly superficial rubbing, especially to faces and skin. Original contemporary blindstamped leather, rubbed and worn, repaired tear to head of spine, small worming to covers, lacking ties; housed in recent red morocco clamshell-box, gilt title to spine.
