Ausgewählte Handschriften
(verkauft)
Eine bedeutende Reformschrift und ein bedeutendes Volksbuch
Reformatio Sigismundi + Gesta Romanorum. Handschrift
Reformatio Sigismundi. Deutsche Handschrift auf Papier. O.O., ca. 1460. Fol. Blattgr. 28:19 cm, Schriftspiegel ca. 25,5:15 cm. 51 Zeilen. Kanzleischrift in brauner Tinte. Leerraum für Initialen. 11 Bll. - Angebunden: Gesta Romanorum deutsch. Deutsche Handschrift auf Papier. O.O., ca. 1460. Schriftspiegel ca. 25,5:13,5 cm. 30-35 Zeilen. Kanzleischrift in brauner Tinte, zu Beginn Kapitelüberschriften in roter Tinte. Minuskeln für Initialen. 27 Bll. Mod. Wildlederband.
Zwei bedeutende deutschsprachige Werke, die zwar im 15. Jahrhundert weitverbreitet waren, im Handel aber kaum je auftauchen. - I. Die Reformatio Sigismundi, ein 1439 auf dem Konzil zu Basel von einem unbekannten Autor auf deutsch verfasster Text, gehört zu den wichtigsten Reformschriften des späten Mittelalters. Gefordert werden Reformen in der Kirche wie im Reich, etwa die Einführung der Priesterehe, Beschränkungen der Einkünfte von geistlichen Würdenträgern, Stärkung der Reichsstädte etc., zum Teil in drastischen Worten. Zur Wirkmächtigkeit der Reformatio Sigismundi, die sich wohl noch auf die Bauernkriege erstreckte, sowie vor allem zur Überlieferung des Textes und zu den verschiedenen Handschriften und Handschriftengruppen vgl. die Einleitung in: H. Koller (Hrsg.), Reformation Kaiser Sigmunds, Stuttgart 1964 (= MGH, Staatsschriften des späten Mittelalters, Bd. 6). Die vorliegende Handschrift gehört zur Gruppe V, zu der auch der Erstdruck bei Johann Bämler 1476 zählt. 16 Handschriften der Reformatio Sigismundi waren 1964 bekannt, der Handschriftencensus kennt heute 20.
Die vorliegende Handschrift enthält, in sich vollständig, etwa die erste Hälfte des Textes. Er bricht ab im Abschnitt über Beginen und Nollharten (Lollarden) und endet: "(...) der tůt wider alle cristenliche werck wann wend sy aine(n) schein tragen den tragen..." (MGH, S. 219, Z. 11). Nachfolgend einige charakteristische Passagen, dahinter jeweils in Klammern die entsprechenden Stellen in der Edition der MGH:
"(A)llmechtiger schopffer himels und der erden gib krafft u(n)d tů gnad gib weyshait zu volpringen nach der aller saligesten stant und ain ordn(u)ng ze habn gaistlichs u(n)d weltlichs states" (MGH 51, 16-20). - "Ir sullent wisse(n) was das Hailig Concili ze Bassel gesamnet ist es sol da gescheh(e)n ain rechte reformacio des gaistlich(e)n und weltlichen stats" (MGH 55, 3-5). - ... "was aber das patromoniu(m) sey sant petters das horent Item von Antoniano. Item von spolitano. Item von nappels. Item von paru(ß) [?] verzar poloni und von and(er)n h(e)rschefften und Gravffschefften ... Item darzů Cylii Avion und menge herschafft darzů das auch menige Hundert taussent guldin tätte" (MGH 61, 31-37 u. 63, 5-7). - "Darumb sol man verhiet(e)n das man kainen paubst mer mache von den orden Quia est special(is) et no(n) g(e)n(er)al(is) … (N)un sol man wissen und merck(e)n wie des pabst hoff mit den gulten stan sol man hat wol gehort in dem anfang wz zů dem hof gehöret das er vil menig Hundert tauset kamer guldin gult hat" (MGH 101, 9-12 u. 29-33). - "Daru(m)b das er aber versechen werd so ist es nötig man leb als man ze Orient lebet und yn yspania da die priester weiber nement" (MGH 151, 7-10). - "Aber das er sein rainikait ubersech und nit keusch plibe so sol man in nit mer lassen mesß han bey bůs drey monat in dem Kercker mit wasser und mit prot" (MGH 153,18-23). - "(N)un heb ich an von den Benedetten und B(er)nhardi(e)n das zween hört ord sind … und betriegent den Bäpst man solt den Notari prennen der soliche Instrumen macht" (MGH 187, 21-23 u. 189, 19-21). - "(I)tem es sind auch das ist ain ord die nennent sich gaistlich thům h(e)rn die nement sich an und besingent die pfarrkirche(n) und meinent gar frey ze sein und sind Doch münich als die vord(e)n… Si sitzent yetz mit Junckfrawen und kindern recht als weltlich priester das ain ungehorte sach wol ist" (MGH 203, 29-34 u. 205, 4-6). - "(I)tem all frawen closter sol man beschliessen und sol man jarlichen ainer geben dreyssig guld … (I)tem sy sollent im closter ain schůl han das sy lerne(n) Gra(mm)ati(cam) und die haylig(e)n geschrifft etwas verstan si mug(e)nt bas studier(e)n wann die man" (MGH 209, 15-17 u. 211, 2-5).
II. Die Gesta Romanorum, eine Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts auf Latein verfasste Exempelsammlung, war in lateinischen wie volkssprachigen Versionen weitverbreitet; Boccaccio, Shakespeare wie Hans Sachs nutzen sie als Stoffsammlung. Die Geschichten sind zum Teil in der Antike, zum Teil im Mittelalter angesiedelt, auch ferne Länder kommen vor. Vorliegender Text ist moralisiert, d.h. der eigentlichen Geschichte folgt eine geistliche Auslegung ("Der gaistlich syn"). Nachfolgend geben wir die Kapitelüberschrift wieder, soweit vorhanden (Kap. 25-29), danach die Kapitelanfänge. Die Blattzählung folgt der Bleistiftfoliierung (das verkehrt herum eingebundene Bl. 13 in Reihenfolge der Kapitel berücksichtigt): 13v: (25). Von aine(m) kunige der fragte w(a)z d(a)z sterckste we(re) in der werlt mercke das xxv Capittel. - (26). Von vier ainsidel was tugent ir yeglich(er) an Im hette un(d) weliche tugent der wir gote an genem wer mercke das xxvi Capittel. - 13r: (27). Von aine(m) kunige der hett ain frawen Di was im auz d(e)rmazz(e)n lieb un(d) si gewan drey sun pey and(er)n mannen un(d) den viert(e)nbei d(e)m kunige xxvii. - 14r: (28). Von ain(e)m diebe D(er) auf betrigliche wort liez und viel in ain haus un(d) prach ain pain und ain arm mercke wie sich das v(er)lieff das xxviii Capittel. - 15r: (29.). Von aine(m) Ritt(er) d(er) do sein h(e)r(n) dem kunige erzürnet hatte wie er wid(er) zu hulde kam m(er)ck xxviiii Cap(itel). - 16v: (30). (E)s waren Zu ainer zeit Cwen leiblich bruder der ain was ain pfaffe der ander ein laye. - (31). (D)er kunige von Tartarie der hett die drey kunige in grossen eren die uns(erm) h(e)r(n) ich(es)u cristo das opffer pracht(e)n. - 17r: (32). (V)alerius der maister schreibet Das der kayser Zelongus satzt ein gepot wer ain junckfraw ertörte ir junckfräulikait oder notzogete. - 18r: (33). (A)llexander der grozze kunige der zoch zů ainer zeit in den hof des kuniges von indian. - 18v: (34). (T)ytus der kunige Regniert in der Stat zu Rome und satzte da ein gepote das alle Romere sollt(e)n veiren den tage als sein erster sun gepor(e)n ward. - 20v: (35). (G)enogarus der kayser gabe ein gepote wo ain ubeltet(er) wurde pracht für ainen richt(er)n das man den töten solte. - 21r: (36). (E)zechias der kunige der hätte drey süne die waren im alle geleich liep. - 22v: (37). Darius was ein kunig zů Rome und der hett drey sün und die waren im lieb do er sollte sterb(e)n. - 23v: (38). - (D)er kayser Domanus der herste vil jar do der lage in seinem pette do ward sein hercze erhab(e)n. - 26v: (39). (M?)ambrial [statt Hannibal] was manig jar ain kunig ze Rom Und hett nicht mer denn ain tochter die was im austermass(e)n lieb. - 30v: (40). (T)yberius ain kayser zů Rome des groste fräde was das er můste hören süß gedöne als saitenspil. - 31r: (41). (C)laudius der kayser hett ain ainliczige tochter die was im lieb. - 32v: (42). (M)ayus der was ain kayser zů Rome der war gar weise und in seinem reiche was ain frawe die hiez florentina. - 33v: (43). (T)heodorus ain kayser zů Rome der was weize un(d) was doch plint word(en). - 34v: (44). (M)an vindet geschrieb(e)n das ein künge hette ainen leven und ein levinne und ainen lebart(e)n. - 35r: (45). (T)royanus der was ain kayser zů Rome und hette ainen garten Do waren manicherley pawme aingepflantzet. - 35v: (46). (A)nthonius was ain kayser Zu Rome der hett drey tug(e)nt an im. - 36v: (47). (P)ompeyus was ain kayser Zu Rome in seinem reiche was ein frawe die was außermass(e)n schöne. - 37r: (48). (E)z waren ains tags drey gesell(e)n die gieng(e)n über velt mit ain ander. - 38r: (49). (L)uceus der do regnieret zu Rome Der gepote ain gesecze wer des and(eren) kint neme. - Die Kapitelabfolge enstpricht der in der Handschrift cod. M 55 der Landesbibliothek Dresden (vgl. Osterley, Gesta Romanorum [1872], S. 199ff., Nr. 25-49). Nach Hommers, Gesta Romanorum deutsch (1968) gehört vorliegende Handschrift zur Untergruppe IIe, zu denen aus der Dresdner Landesbibliothek die Handschriften M 55, M 204 und M 205 gehören (= D6-D8) sowie aus der BSB München cgm 579 (= M4), alles ostmitteldeutsche Handschriften (Hommers S. 41-44 sowie die Textproben aus Kap. 34 ab S. I). Vorliegender Handschrift fehlt der Text vor Kapitel 25. Sie scheint nicht vollendet worden zu sein, da der vorhandene Text auf einer Rectoseite endet und die Überschriften in Rot nur zu Beginn ausgeführt wurden.
Zustand und Vollständigkeit: Die Texte sind von jeweils einer anderen Hand geschrieben. Das Wasserzeichen des Papiers ist in beiden Handschriften gleich: Turm mit Zinnen, zwei Fenstern, Tor und Dach). Vorgebunden ist ein weißes Blatt mit dem von späterer Hand geschriebenen Titel: "Historiae parabolicae / et /aliae glossae Ecclesiasticae. / de reformatione" sowie zwei Signaturen in Bleistift, davon eine gestrichen. Dieses Blatt ist wasserrandig und recto angestaubt. Alle Blätter sind neu in Bleistift foliiert, so dass 1r der Gesamttitel ist, Bl. 2r-12v die Reformatio Sigismundi enthält und 13r-39r die Gesta Romanorum. - Bl. 13 u. 24 verkehrt herum eingebunden. Insgesamt etwas gebräunt u. meist etwas fleckig; (II) mit ergänzten Randausrissen, Bll. 14, 15, 22 u. 24 mit Verlust von zusammen wenigen Buchstaben; Bll. 11 u. 12 mit je einer hinterlegten Läsur, dadurch geringer Buchstabenverlust. Unsere Handschrift weist gegenüber den in der Forschung bekannten umfangreicheren Fassungen beider Texte Lücken bzw. auch fehlende Passagen auf, jedoch ist der tatsächliche ursprüngliche Umfang bzw. die exakte Blattanzahl unserer Handschrift für uns nicht feststellbar.
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Horae B. M. V für den Gebrauch von Paris. 1480
Horae B. M. V. Lateinisches Stundenbuch mit französischem Kalendar und Zusätzen für den Gebrauch von Paris. Lateinische und französische Handschrift auf Pergament. Paris, um 1480. Blattgr. 14,3:10,5 cm, Schriftspiegel 7,5:5 (Kalendar) u. 7,3:4,5 cm (Text). 17 Zeilen (Kalendar) und 14 Zeilen (Text), in blassem Rot regliert. Mit dunkelbrauner Tinte in Textura geschrieben. Hervorhebungen in Rot, Kalendar gelb schattiert. Mit 8 großen Miniaturen, jeweils eingefasst von breiten Bordüren mit reichem Rankwerk, Blüten, Beeren, Tieren und Drolerien und mit je 1 vierzeiligen (1 dreizeilige) Initialen auf Goldgrund mit Wappen (3) oder blühenden Pflanzen (4) gefüllt bzw. mit Dornblattranken verziert, alles in Gold und Farben; 9 weiteren Seiten eingefasst von dreiseitigen Bordüren mit reichem Rankwerk mit Blüten u. Beeren in Gold und Farben und je einer 3-4zeiligen Initiale auf Goldgrund in Blau und Mauve mit weißer Binnenzeichnung, sowie hunderten 1-2zeiligen Initialen in Flüssiggold auf blauem und mauvefarbenen Grund mit weißer Binnenzeichnung und ebensolchen Zeilenfüllern. 196 (inkl. 6 leere reglierte) Bll. Dunkelbrauner Maroquinband der 2. Hälfte d. 16. Jahrhunderts mit reicher Deckelvergoldung "à la fanfare", Rückenvergoldung, Stehkantenvergoldung und Goldschnitt; Ecken, sowie Rücken an Kopf und Schwanz fachgerecht alt restauriert, dort die Gelenke erneut leicht eingerissen.
Sehr schönes vollständiges Stundenbuch auf feinem Pergament für den Gebrauch von Paris, wahrscheinlich für einen englischen Adligen, worauf der Festtagseintrag in Rot vom 1. Mai für Jakobus und Philippus hinweist. Unter den Heiligen der Litaneien: Brigitta, Germanus, Gendulf (Genulf), Gertrude, Severinus, Ursula, Valeria.
Text:
Kalendarium, fol. 5r-16v (fol. 1-4 leer und rot regliert); Sequenzen der Evangelien 17r-23r; Obsecro te 23r-27v; O intemerata 27v-32v (in männlicher Form); Marienoffizium 33r-90v (Matutin 33r, Laudes 47r, Prim 61r, Terz 68v, Sext 73v, Non 77v, Vesper 82r, Komplet 90v); Bußpsalmen 97r-112v; Litaneien 113r-119v; Heiligkreuzoffizium 120r-125v; Heiliggeistoffizium 126r-131v; französ. Gebet "Doulce Dame de miséricorde mère de pitié, fontaine de tous biens" 132r-139v; Pater Noster. 9 Bitten an den Vater, beginnt "Quionques vieult estre bien co(n)seilliez" 140r-145r, (145v leer); Totenoffizium 146r-182v; französ. Gebet "Aide moy saincte Trinité, une gloire, une majesté, une unité, une excellence" 183r-186v; Acht Verse des Bernhard von Clairvaux 187r-188r; Inviolata integra et casta 188r-189r; Ablasstext von Papst Johannes XII 189r-191v "Acute omnes anime fideles quarum corpora hic et ubisq(ue) requiescunt..."; Empfehlungen für die Messe 191v-194v; Fürbitte an die Heilige Apollonia 195r-196r (fol. 196v-198v leer und rot regliert).
Illumination:
Die schönen, goldgehöhrten Miniaturen wohl von 2 Händen, von denen eine zugeschrieben werden kann (3 von Hand A, 5 von Hand B). Hand B kann dem 'Maître de Jean Henry' zugeschrieben werden, der für Jean Henry, den Kantor von Notre-Dame (gest. 1483), zwei Handschriften illuminierte und als einer der bekanntesten Nachfolger des Maître François gilt.
1. Johannes auf Patmos (fol. 17r, Johannes sitzt schreibend an einem Gewässer, im Hintergrund der Blick auf ein weiteres Gewässer mit Wasserschloss; Hand A. Bordüre mit eingemaltem Wappen). - 2. Verkündigung (f. 33r, Engel u. Jungfrau zu beiden Seiten einer blauen Säule die zwei goldene Balken trägt die mit einem Fries aus Vierpaß-Elementen geschmückt sind, Maria mit Lesepult, der Engel mit Spruchband "Ave maria plena"; Hand A. Initiale mit eingemaltem Wappen). - 3. David im Gebet (f. 97r, David kniet in einem Innenraum, am Boden die Krone, auf einer Truhe Buch und Harfe, in seinem Rücken ein Sitz mit Baldachin, vollständig in rotem Tuch mit reichem Goldbrokat bezogen u. mit grünem Sitzkissen; Hand B. Initiale mit eingemaltem Wappen). - 4. Kreuzigung (f. 120r, zur Linken halten Maria Magdalena und Johannes die Jungfrau, rechts Priester und Soldaten, hier dem Priester (nicht wie üblich dem röm. Hauptmann) das Spruchband "vere filius dei erat iste" (Matth. 27,54) beigegeben; Hand A). - 5. Ausgießung des Heiligen Geistes (f. 126r, Maria u. die Jünger in einer Kathedrale um eine Truhe gruppiert, Wandbehänge aus rotem u. blauem Tuch mit Goldbrokat. Hand B). - 6. Madonna mit Kind, dem ein Engel Früchte darreicht (f. 132r, Maria sitzt mit Kind auf einem Thron mit rotem Baldachin mit reichem Goldbrokat, von rechts ein Engel der eine Schale mit Früchten reicht. Hand B). - 7. Trinität (f. 140r, Vater und Sohn auf einem Thron, dessen Rückwand mit gotischen Dreipaß und Vierpaß-Elementen geschmückt ist, beide halten das Buch, Gottvater mit Tiara noch Kugel mit Kreuz. Hinter dem Thron eine Gruppe vollständig in rot gemalter Engel; Hand B). - 8. Begräbnis (f. 146r, Ein in Tücher gewickelter Leichnam wird neben einer Kirche bestattet, links ein Ministrant, im Zentrum 2 vollständig schwarz verschleierte Trauernde, rechts 4 Priester; Hand B).
Die Bordüren mit Akanthusranken in Blau u. Gold, Dornblattranken mit Flüssiggold, Blüten und Früchten. Die Bordüren zu den Miniaturen zusätzlich mit Vögeln und Schmetterlingen sowie einigen reizenden Drolerien: Drache und Trommler mit Hinterleib einer Katze (f. 97), Kentaur der Akanthusranken schneidet (f. 120), Schwertkämpfer mit Schneckenkörper und Bogenschütze mit Leopardenkörper (f. 120). Die Bordüre zur Verkündigung (f. 33) rautenförmig unterteilt und alternierend mit Akanthusranken auf Goldgrund sowie Blumen mit Vögeln und Beeren gefüllt. Das auf 3 Blättern eingemalte Wappen des Erstbesitzers (fol. 17, 33, 97) mit 3 goldenen Pfosten, die durch Querstriche in Segmente geteilt sind, auf dunkelrotem oder auberginefarbenem Grund, darüber ein schreitender Löwe (lion léopardé) in Gold auf rotem Grund.
Einband:
Schöner Pariser Einband "à la fanfare de type primitiv" um 1565. Wie für diese Art typisch, das Bandwerk auf einer Seite mit doppelter Streicheisenlinie, die entstehenden Felder mit Arrangements aus floralen Einzelstempeln gefüllt, die Voluten in einzelnen Blättern auslaufend. Vgl. Hobson, Reliures à la fanfare 9a u. Taf. 32. "Les reliures du style primitif ont très peu der fers caractéristiques, et il est difficile de distinguer entre leurs doreurs" (H., S. 59).
Zustand:
Insgesamt schöne, breitrandige und nur gering fleckige Handschrift. Vereinzelt gering fingerfleckig, wenige kleine blasse Braunflecken. Wenige kleine Koloritverwischungen in den Bordüren. Bordüre fol. 33 am Kopf knapp beschnitten. Kleine Hinterlegung im Kopfsteg von fol. 32. 6 Seiten des Kalendariums mit teilw. umfangreichen Annotationen von 1-2 Händen des 17. Jh. mit Angaben zu Familienereignissen in Tinte u. Bleistift.
Provenienz:
Das Wappen des Erstbesitzers auf fol. 17, 33, 97 konnte von uns nicht zugeordnet werden. - Henri Plusbel de Saulles (1612-1683), mit seinem Namenszug auf dem Innendeckel u. im Bundsteg von fol. 5. Die Mehrzahl der Annotationen im Kalendar zur Familie Plusbel und wohl von seiner Hand. - Gest. Wappenexlibris Jean Hersent (Gardella Grav. Paris). - Europäischer Privatbesitz.
Fine and complete book of hours for the use of Paris, c. 1480. With 8 large miniatures in wide borders of acanthus leaves, blooming flowers, animals and grotesques, all in lavishly colours and gold, borders partly hightened with liquid gold. Another 9 pages with three-sided borders of similar kind and 3-4 line initials in colours on gold as well as hundreds of 1-2line initials in liquid gold on blue and mauve grounds. - Condition: Overall well preserved, wide margined manuscript. Little fingermarking and few small faint stains in places. Only the border of fol. 33 cut to size at top margin. Small piece of vellum pasted to top margin of fol. 33. Marginal ink annotations of the mid-17th cent. to 6 p. of calendar by the former owner Henri Plusbel de Saulles. Bound in fine brown full-calf c. 1560 richly decorated à la fanfare, edges gilt; small restaurations to corners and ends of spine.
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(verkauft)
Prayer Book for an English Nobleman
Gebetbuch. Flandern/England, um 1490
Gebetbuch für einen englischen Adligen. Lateinische Handschrift auf Pergament. Flandern u. England, um 1490. Blattgröße: 16:12 cm., Schriftspiegel einspaltig: 10,6:6,5 cm, rot regliert. 16 Zeilen. Mit schwarzbrauner Tinte in Textura geschrieben. Mit 5 ganzseitigen, von Bordüren gerahmten goldgehöhten Deckfarbenminiaturen, 26 Initialzierseiten zu Beginn der Gebetseinheiten mit historisierten 5-6-zeiligen Initialen in Halbgrisaille mit Goldakzenten und reichen Bordürenrahmen, davon ein Trompe-l’oeil-Rahmen. Ferner im Text zahlreiche zweizeilige Goldinitialen auf farbigem Grund und mit farbigen Rankenabläufern sowie sehr zahlreiche einzeilige Fleuronné-Initialen, alternierend in Blau und Gold sowie abwechslungsreich gemusterte blau-goldene Zeilenfüller. 94 Bll. mit neuzeitlicher Foliierung in Bleistift. Roter (englischer?) Maroquinband des frühen 18. Jahrhunderts mit reicher floraler und ornamentaler Goldprägung auf Rücken, beiden Deckeln und Stehkanten, zweites Rückenfeld mit Prägung „PRECE | MANU | SCRIP“ und Goldschnitt, Spiegel mit Brokatpapierbezug; etwas berieben, Rückdeckel mit winziger Abplatzung. In mod. olivfarbener Maroquin-Kassette mit goldgepr. Rückentitel (sign.: Lobstein-Laurenchet).
Bemerkenswertes Gebetbuch, das für einen höher gestellten englischen Auftraggeber angefertigt wurde, und der sich als frommer Beter in zwei Miniaturen, einmal gemeinsam mit seiner Frau, porträtieren ließ. Die Bestimmung des Gebetbuchs für den Gebrauch in England wird durch ortstypische Heilige in der Litanei nahelegt - Swithum (86r, Bischof von Winchester), Birin (86r, Bischof von Dorchester), Edith (87r, Edith von Wessex) - sowie durch eine spezifische Textauswahl, wie der Hymne zur Passion Christi (49r-52v), die in weiteren Gebetbüchern für Adressaten in England zu finden ist (vgl. Roberts Hours, Cambridge University Library, MS Ii.6.2), und im vorliegenden Exemplar mit 8 historisierten Initialen ungewöhnlich umfangreich und originell bebildert ist. Das einheitlich eingerichtete Gebetbuch könnte in Brügge für den englischen Markt angelegt worden sein und wurde möglicherweise erst in England nach dem Vorbild flämischer Gebet- und Stundenbücher fertiggestellt, vielleicht lag auch eine Konzeption für ein Stundenbuch zugrunde.
Illumination: Es lassen sich zwei Ausstattungsversionen nach dem Vorbild oder im Stil flämischer Buchmalereien und damit zumindest zwei Illuminatoren unterscheiden. Der dem Stil nach etwas jüngeren Hand, die in einer Werkstatt in Flandern wohl in den frühen 1490er Jahren tätig war, begegnen wir nur auf einem Doppelblatt innerhalb der ersten Lage (fol. 2+7). Kennzeichnend ist der Trompe-l'oeil-Rahmen, der den Schriftspiegel allseits umgibt. Auf Goldockergrund finden sich naturalistisch dargestellte Blütenzweige (dicht gefüllte rote Rosen, Akelei, Vergissmeinnicht, Erdbeeren), auf denen zwei Schnecken kriechen und ein Schmetterling sitzt. Angedeutete Schlagschatten lassen Blütenzweige und Insekten plastisch hervortreten. Auch die Gestaltung der Initialen entspricht dem Trompe-l’oeil-Stil und ist als plastische Palmettblatt-Initialen ausgeführt, die sich durch Verschattung vom Goldockergrund abheben. Bei den übrigen Initialen, Bordüren und Miniaturen gibt sich eine etwas traditioneller arbeitende Hand zu erkennen, die vielleicht in einer in England zu lokalisierenden Werkstatt den teils schon angelegten Buchschmuck vollendet hat. Etwas flächiger und weniger modellierend arbeitet dieser Maler; seine Malerei ist stärker von der Kontur, die oft in kräftigem Schwarz gezogen ist, bestimmt. Er greift auf die Ausstattungsmerkmale flandrischer Stundenbücher zurück und schafft Bordüren aus schwarzem Fleuronné mit gestrahlten Goldpunkten und -blättern sowie farbigen Akanthusranken, Blütenzweigen, Tieren, Vögeln, Insekten und fantasiereichen Drôlerien, die teilweise mit den Darstellungen in der Miniaturen Korrespondieren oder diese karikieren (z.B. 33r Maria, die Jesus unterrichtet, wird eine ihr Kind tragende Affenmutter gegenübergestellt).
Miniaturen: 1. Erschaffung Evas (Bl. 1v), im Hintergrund der Sündenfall als szenische Erweiterung aus dem Kontext der Genesis. Korrespondierend mit der Darstellung in der historisierten Initiale der gegenüberliegenden Seite, die den segnenden Schöpfergott mit Sphära in der Hand im ummauerten Paradiesgarten veranschaulicht. - 2. Der Adressat des Gebetbuchs im Gebet zu Gottvater/Christus (16v). Er ist in einen kostbaren dunklen Pelzmantel gekleidet und kniet in einem Innenraum mit Fliesenboden an einem Altar, der mit einem roten Tuch abgedeckt ist und auf dem ein aufgeschlagenes Gebetbuch liegt. Ein ihm zuzuweisendes Spruchband gibt den Vers Dominus adiutor meus aus Psalm 117,6 wieder. Hinter einem großen Fensterausschnitt eröffnet sich ein Landschaftsgrund, davor die Erscheinung Christi, umgeben von einem Doppelring der himmlischen Scharen in einem Lichtkranz. - 3. Thronende Muttergottes als Maria lactans (43v), zu ihren Füßen der kniende Adressat des Gebetbuchs und seine Frau, beide in höfischer Kleidung. Der hölzerne Thronsitz Marias ist von einem Baldachin überfangen, zu den Seiten je ein Engel mit einem Musikinstrument. Mit Wiederholung des Engel-Motivs im Bordürenrahmen. - 4. Maria als Fürbitterin vor Christus (59v), in Entsprechung zum nachfolgenden Gebet Obsecro te, in dem Maria um Fürsprache bei ihrem Sohn gebeten wird. Maria kniet vor ihrem auf einer langen Thronbank sitzenden Sohn, eine Fensteröffnung im Hintergrund gibt die zeitlich zurückliegende Szene der trauernden Frauen bei der Grablegung wieder, die eine Erweiterung der Pietà, der Schmerzensmutter mit dem Leichnam Christi auf ihrem Schoß, in der historisierten Initiale der gegenüberliegenden Seite darstellt. - 5. Der heilige Hieronymus (64v) kniet im Vordergrund einer tiefenräumlichen Landschaft mit der Eremitage vor einem Kruzifix und geißelt sich. Im Geäst eines Baumes hängen sein Kardinalshut und -mantel, der Löwe liegt an seiner Seite. Als Pendant zu diesem steht inmitten der Ranken des Bordürenrahmens ein weiterer Löwe.
Historisierte Initialen: 2r Schöpfergott im Paradies; 17r Salvator mundi; 20r Gregormesse; 27r Muttergottes; 33r Maria lehrt Jesu das Lesen; 35r die heilige Familie während der Flucht nach Ägypten; 37r Strahlenkranzmadonna; 42r Salvator mundi; 44r betende Maria; 47r Dedikation der Hymne an die Himmelskönigin; 49r Christus begegnet nach der Auferstehung Maria; 49v Golgotha; 50r Haupt Christi; 50v Wundmal der rechten Hand Christi; 51r Wundmal der linken Hand Christi; 51v Wundmale und Herz Christi; 52r Wundmal des rechten Fuß Christi; 52v Wundmal des linken Fuß Christi; 53r Christus triumphans erscheint der am Betpult knienden Maria; 55r Schmerzensmann; 57r thronender Christus mit Engeln als Thronwache; 60r Pietà; 65r Hieronymus im Gehäuse; 72r der Psalmist König David kniet im Gebet zu Gott; 82r Gott erscheint dem betenden Moses am Sinai; 93v Versammlung Allerheiligen um Christus.
Text und Kollation: 2r-15v Gebete auf Basis von Psalmen (Psalm 21-24, 25-30, 54, 56, 87 und weitere); 17r-19r Gebet Domine ihesu Christe michi adjutor; 20-21 Gebet Domine ihesu christe adoro te in cruce ascendentem; 22r-26v Litanei an Maria; 27r-32v Hymne Salve Virgo virginum; 33r-34v Mariengebet O beatissima et gloriosissima mater ihesu christi; 35r-36r Hymne Mater digna De venie catissime; 37r Ave Maria; 37r-39v Mariengebet O intemarata […] O Johannes; es folgen weitere Gebete und Hymnen: 39v-40v Deus omnipotens pater et filius; 40v-41r Libera me Domine ihesu christe; 42r-42v Adonay, Domine Deus magne; 44v-45v Stabat mater; 46 Symeon vates domine; 47r O divina mea dulcissima pia; 48r Gaude Virgo salutata; Hymnen zur Passion Christi: 49r Omnibus consideratis paradisus, 49v (nach Rubrik 49r Ad lignum crucis domini nostri ihesu christi) Triumphale lignum crucis, 50r ( Rubrik 49v Ad capud (sic) domini nostri ihesu christi) Ave capud (sic!); 50v (nach Rubrik 50r Ad vulnus dexterne manus) Salve vulnus dexte manus, 51r (nach Rubrik 50v Ad vulnus sinistre manus) Ave tu sinistra perforata; (nach Rubrik 51v ad vulnus lateris domini noster ihesu christi) Offons aque paradiso; 52r (nach Rubrik 51v Ad vulnus dexteri pedis dominum nostri ihesu christi) Salve vulnus dexta pedis, 52v (nach Rubrik 52r Ad vulnus sinistri pedis ihesu christi) L[a]evi pedis perforati; 53r Gebet an Maria (nach Rubrik 52v oracio ad virginem mariam) O maria plasma; 53v Gebet an Johannes Evangelista (nach Rubrik 53r oracio ad sanctum johannem evangelistam) Johannes evangelistam; Gebete an Christus, Leib Christi: 55r Precor te piissime domine; 57r Deus propicius esto michi peccatori; 60r-63v Mariengebet: Obsecro te; 65r-71v Psalter des heiligen Hieronymus (unvollständig, bricht 71v in der Kurznennung von Psalm 53,6 nach „Ecce enim“ ab); 72v-93v Bußpsalmen und Litanei; 93v-94r Per horum omnium sanctorum. Heftung: a7, b-e8, f10, g6, h-i8, k7, l8. Die Blätter 1, 54, 58 und 80 als Einzelblätter (ohne Textlücken) eingehängt.
Das Brokatpapier der Spiegel mit Signatur "A M C P S C M", die für Georg Christoph Stoy steht, der ab 1703 in Augsburg Buntpapiere herstellte (vgl. Haemmerle 416ff).
Zustand: Nur stellenweise gering fingerfleckig, wenige vereinzelte kleine Flecken, Bll. 90-91 mit blassem Wasserfleck. Wenige der breiten Bordüren gering angeschnitten. 20r, 49v, 50r, 52v und 93v mit kleinerer Koloritverwischung in der Bordüre; 72r mit etwas Tintenverwischung im Text und geringer Bereibung an der hist. Initiale; 33r mit stärkerer Verwischung an der hist. Initiale; ganzseit. Miniatur 43v mit winzigen Löchern durch Textrasur auf der Recto-Seite. - Provenienz: Schweizer Privatsamlung.
Richly decorated prayer book for an English nobleman. Latin manuscript on vellum. Flanders and England, c. 1490. The uniformly arranged book could have been created in Bruges for the English market and was possibly completed in England, following the example of Flemish prayer books and books of hours; could also have been based on a concept for a book of hours. With 5 full-page colour miniatures framed by wide floral borders with animals and drôleries, 26 elaborately decorated pages at the beginning of each prayer unit with historiated 5- to 6-line initials in half-grisaille hightened with gold and surrounded by rich floral borders incorporating various figures, one of which is a trompe l'oeil border. Furthermore, in the text numerous two-line gold initials on a coloured ground and with coloured tendril runners as well as very numerous single-line fleuronné initials, alternating in blue and gold and diversely patterned blue-gold line fillers. - Condition: Lightly fingerstained in places, a few isolated small stains, pale waterstain to leaves 90-91. A few of the wide borders slightly trimmed. Minor colour smudging to borders of 20r, 49v, 50r, 52v and 93v. Some ink smudging to text and minor rubbing to the hist. initial of leaf 72r, heavier smudging to hist. Initial of leaf 33r. Few tiny holes to full-page miniature of leaf 43v due to shaving of text on recto. Bound in early 18th cent. dark red full-morocco, both covers and spine richly gilt with floral and ornamental tooling, edges gilt, Augsburg brocade paper paste-downs; edges somewhat rubbed. Housed in modern olive full-morocco case with gilt title to spine.
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(abgelaufen)
Probably from the Workshop of Attavante
Psalterium Davidis. Florenz um 1525
Psalterium Romanum (Psalterium Davidis). Psalterium mit Kalender. Lateinische Handschrift auf Pergament. (Florenz), 1536 (recte: um 1525?). Blattgr. ca. 14,8:9 cm. Einspaltiger Schriftspiegel: 10:5–5,5 cm (Kalendarium: 11:7 cm). 17 Zeilen. Mittelitalienische Rotunda in schwarzbrauner Tinte von einer Hand. Rubriziert. Im Text zahlreiche rote und blaue Initialen, sowie blaue (vereinzelt rote) Paragraphzeichen. Mit zahlreichen zweizeiligen ornamentalen Goldinitialen vor Farbgrund sowie 2 großen historisierten Initialen (über 9 bzw. 6 Zeilen) und Randschmuck in Deckfarbenmalerei und Gold. 225 Pergamentbll. mit mod. Foliierung in Bleistift (1nn., 1-225, Nr. 222 ausgelassen). Roter, künstlich genarbter Maroquinband des frühen 19. Jh. im Stil des 18. Jh., mit Rückenschild, reicher Rücken- u. Deckelvergoldung, Steh- und Innenkantenvergoldung und mit Rautennetzornament geprägtem dreiseitigen Goldschnitt; Ecken gering bestoßen. In mod. roter Maroquin-Kassette mit goldgepr. Rückentitel (sign.: A. Lobstein).
Das Psalterium Davidis oder Psalterium Romanum (ursprünglich alle 150 Psalmen umfassend) näherte sich durch Reduktion des Formates und der Ausstattung im 15. Jahrhundert äußerlich dem individuellen Stundenbuch an und wurde wie dieses ebenfalls von privaten Personen zum täglichen Gebet genutzt.
Die vorliegende Handschrift ist in Florenz entstanden. Schon die Nennung bestimmter Heiliger im Kalender (hl. Johannes Gualbertus, hl. Reparata, hl. Vitalis) spricht für eine Entstehung des vorliegenden Psalteriums in Florenz. Die deutlichsten Hinweise ergeben sich aber aus den stilistischen Komponenten seiner Ausstattung.
Bisher verband man mit einem am Ende des Psalteriums (211v) genannten Datum 25. Oktober 1536 auch eine mögliche Datierung (auf der Kassette eingeprägt: "Follower of Giovanni Boccardini, Florence 1536"). Die qualitätvollen Miniaturen wurden einem Nachfolger von Giovanni di Giuliano Boccardi (genannt Boccardino il Vecchio, gest. 1529) zugeordnet. So sind die ornamentalen Goldinitialen sehr ähnlich in Boccardinos Werk nachzuweisen (z.B. in den um 1526/27 ausgestatteten Digesten des Iustinianus in Florenz, Biblioteca Nazionale, Ms. Banco Rari 24, 25 u. 26). Nach neuesten Untersuchungen weichen sowohl die figürlichen Komponenten als auch die Gestaltung der Randbordüren des Psalteriums jedoch von den Werken des Boccardino il Vecchio oder dessen Sohn Boccardino il Giovane deutlich ab. Vielmehr erinnern die figürlichen Elemente und Randbordüren eher an Attavante degli Attavanti (Vante di Gabriello di Vante Attavanti), der im frühen 16. Jh. unter anderem mit Boccardino il Vecchio zusammengearbeitet hat. Jedoch liegt dessen nicht exakt fassbares Todesdatum mehr als zehn Jahre vor dem hier genannten Jahr 1536. Die letzten 8 Zeilen mit diesem Datum "1536" auf 211v lassen allerdings eine andere, aber ähnlich schreibende spätere Hand vermuten. Dies erschließt sich aus der leicht abweichenden Qualität und Farbe der roten Tinte aber auch aus den etwas breiter ausgeführten Buchstaben der Schlußzeilen, sodass das eigentliche Psalterium etwa um 1525/1530 entstanden sein könnte und damit in den Zeitraum der Tätigkeit von Attavante oder dessen Werkstatt hineinfällt. Der Datierung "1536" (fol. 211v) folgen noch drei vollständig rasierte Zeilen in roter Tinte.
Attavante gilt als einer der Hauptmeister der florentinischen Buchmalerei der Renaissance. Im Besonderen ist die phantasievolle Ausstattung zahlreicher großformatiger Handschriften zu nennen, darunter Chorbücher im Auftrag der Medici in Florenz (z.B. München, Bayerische Staatsbibliothek, Cod.graec. 151) oder des ungarischen Königs Matthias Corvinus in Buda (z.B. Rom, Bibl. Apost. Vaticana, Ms. Urb.lat. 112). Im 16. Jh. gestaltete Attavante unter Mithilfe seiner aktiven Werkstatt zahlreiche Stundenbücher im kleinen Format, wobei er dort seinen vielseitig angelegten Formenschatz auf eine spezifische Auswahl reduzierte. In dem vorliegenden Psalterium erinnern alle Details – Randornamentik, Aufbau der Initialkörper, überlängte Sitzfiguren mit feinem goldenen Faltenwurf, typischer Gesichtsschnitt – an Attavante und seine Werkstatt (vgl. Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Ms. Strozzi 97; Rom, Biblioteca dell’Accademia Nazionale dei Lincei e Corsiniana, Ms. 55.K.1).
Illumination: Zahlreiche 2-zeilige Goldinitialen vor rechteckigem Feld in Deckfarben (dunkelrot, blau und grün, geometrisch zusammengesetzt und mit feiner Goldfaden-Ornamentik überzogen). 2 historisierte Initialen, jeweils am linken Rand flankiert von reicher, über den Satzspiegel hinausgreifender Blütenornamentik.
1r betender König David, in 9-zeiligem B(eatus vir, Ps. 1): Der hl. David kniet in weiter Landschaft, Krone und Psalter hat er abgelegt, er betet zu seinem Gott, der in einer Wolke am Himmel erscheint. Über der Initiale B beginnt in 2 Zeilen goldener Schrift auf blauem Grund der Text (Incipit Psalterium David psalmo prim'). Rechts neben der Initiale sind innerhalb des Schriftspiegels vertikal kleine blaue und dunkelrote Rechtecke angeordnet, auf denen in goldenen Buchstaben die Initiale B zum ersten Wort B(eatus) ergänzt wird. Links neben der historisierten Initiale sitzt eine schmale, den Schriftspiegel flankierende Goldleiste, an die wiederum links eine auf Blatthöhe ausgedehnte Randornamentik anschließt (freistehende axialsymmetrische Ranken mit Blüten, Blattwerk und Goldpollen, dazwischen eine Blattmaske).
150v Trinität, in 6-zeiligem D(ixit dominus, Ps. 109). Nebeneinander sitzen Christus und Gottvater, zwischen ihnen schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Links neben der Initiale Goldstreifen und Randornamentik (wie 1r).
Kollation: Psalterium Romanum 1r-201r (ohne Fehlstellen; liturgische Form). Psalterium mit Hinweisen auf das Ordinarium Officii 201r-211v. Schluß Bl. 211v: xxv October M DXXXVI / Liber iste completum est (es folgen drei rasierte Zeilen in roter Tinte, auch unter UV-Lampe nicht zu entziffern). Das Kalendarium (Januar bis Dezember) 213r-221v war ursprünglich dem Psalterium vorgeschaltet, wie der schwache Abklatsch des goldenen Januar-KL-Kürzels auf der Versoseite des zu Beginn eingebundenen älteren Papier-Vorsatzblattes verrät.
Zustand: Pergament, Schmuckinitialen, zweizeilige Initialen und Rubrizierung sehr gut erhalten, lediglich der Text auf einigen Blättern (meist erste oder letzte Seite einer Lage) stellenweise stärker abgegriffen.
Roman Psalter from Florence of the late first quarter of the 16th century. Latin manuscript on vellum. The Psalterium Romanum in reduced form, as the present one, developed in the 15th century to a prayer book for daily use. With 2 large historiated initials (over 9 and 6 lines resp.) and floral border decoration in colour painting and gold as well as numerous 2-line gold initials on coloured ground. A date of 25 October 1536 mentioned at the end of the psaltery (211v) was associated with a possible dating (stamped on the cassette: "Follower of Giovanni Boccardini, Florence 1536"). The high-quality miniatures were attributed to a successor of Boccardino il Vecchio († 1529), as the ornamental gold initials are very similar to those in Boccardino's work. According to the latest research, both the figural components and the design of the marginal borders of the psaltery clearly deviate from the works of Boccardino il Vecchio or his son Boccardino il Giovane. Rather, the figural elements and marginal borders are more reminiscent of Attavante degli Attavanti († c.1525), who worked with Boccardino il Vecchio, among others, in the early 16th century. The last 8 lines with this date "1536" on 211v, however, suggest a different, but similarly writing later hand. This can be deduced not only from the slightly different quality and colour of the red ink, but also from the somewhat broader letters of the final lines, so that the actual psaltery could have been written around 1525/1530 and thus fall into the period of Attavante's activity or that of his workshop. The date "1536" (fol. 211v) is followed by three completely shaved lines in red ink. - Condition: The ink of the text on some leaves (mostly first or last page of a gathering) somewhat worn in places, else a well preserved wide margined manuscript. Bound in red straight grained full-morocco binding of the early 19th century in the style of the 18th century with spine label, spine, covers, cover edges and turn-ins richly gilt, egdes gilt and gauffered with net ornament; corners slightly bumped. In modern red full-morocco case with gilt title on spine.
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(verkauft)
Album amicorum des Otto v. dem Bongart
Album amicorum. - Padua. - Stammbuch des Otto von dem Bongart, Herr zur Heyden, Blyt und Niedermörmpter, Ritter des hl. Grabes, kurkölnischer Kammerherr, ab 1605 Amtmann zu Lechenich. Padua (überwiegend), Siena u.a., 1599-1633. 8vo (15,5:11 cm). Mit blattgr. farbigem Titelblatt, 90 farbigen Wappenmalereien sowie 27 blattgr. farbigen Illustrationen, sämtlich in Gouache mit feinster Gold- u. Silberhöhung. 193 Bll. mit 190 Einträgen. Weinroter Kalblederband d. Zt. mit reicher Vergoldung über beide Deckel u. Rücken sowie gepunztem Goldschnitt; berieben, Ecken bestoßen, Rücken an Kopf u. Fuß etwas abgestoßen, Vorderdeckel mit kl. Fehlstelle an der Oberkante, Bindebänder entfernt; in neuerer Lwd.-Schachtel mit goldgepr. Deckeltitel.
Kulturhistorisch bedeutsames Stammbuch mit eindrucksvollen Darstellungen der Mode u. Sitten des frühen 17. Jahrhunderts in Italien. Halter des ausgesprochen prachtvollen Stammbuchs war der aus altem rheinländischen Adelsgeschlecht stammende Otto von dem Bongart (gest. 1638). Zu Beginn des 17. Jh. studierte er wohl in Padua u. Siena. Dort, wie auch in Florenz, Neapel, Perugia, Rom, Venedig und Verona entstanden die meisten Einträge, einzelne folgten später in Köln, Bonn u. Mainz. Unter den Einträgern finden sich zahlr. hochrangige Fürsten, wie August von Braunschweig-Lüneburg (1568-1636), Johann Friedrich von Württemberg (1582-1628), Leopold V. (1686-1632, Erzherzog von Österreich-Tirol, mit Symbolo "Pietas ad Omnia Utilis"), Eitel Friedrich von Hohenzollern (1582–1625), Lothar von Metternich (1551-1623, Kurfürst u. Erzbischof von Trier), die Kölner Erzbischöfe Ferdinand von Bayern (1577–1650) u. Ernst von Bayern (1554-1612) sowie der Erzbischof und Kurfürst von Mainz, Erzkanzler des Hl. Röm. Reiches Johann Schweikhard von Cronberg (1553-1626). Unter den anderen Würdenträgern finden sich Johann Reinhard v. Metternich (gest. 1637, Dompropst von Mainz), Johann Georg Schad von Mittelbiberach zu Warthausen (gest. 1625, Dompropst zu Konstanz), Karl I. von Salm-Neuburg (gest. 1662), Wilhelm Heinrich Truchsess von Waldburg (1580 - 1652), u.v.m.
Unter den Adelsfamilien finden sich: Auersperg, Battenberg, Berlichingen, Bredow, Bulow, Fugger, Gemmingen, Gleichen, Gumppenberg, Helffenberg, Kinski, Königsmark, Kolowrat, Leiningen, von der Leyen, Merode, Metternich, Salm, Schafgotsch, Schall v. Bell, Schönburg, Stauffenberg, Torring, Trautmannsdorf, Waldburg, Witzleben, Zinzendorf u.v.a. Angehörige des rheinischen Adels.
Sehr bemerkenswert ist die Vielzahl der äußerst fein ausgeführten Wappenmalereien in prachtvollen Farben und reich mit Gold und Silber gehöht, die den Unterschriften, Sinn- u. Wappensprüchen hinzugefügt wurden. Das prunkvolle Titelbild zeigt das Wappen des Stammbuchhalters mit angehängtem Ritterorden im Oval mit Datierung 1600, eingebettet in einen architektonischen Rahmen mit Schrifttafeln in goldenen Lettern. Weitere 27 meist blattgroße, superb ausgeführte Gouachen mit feinstem Gold- u. Silberauftrag schmücken das Stammbuch, darunter 21 Kostümdarstellungen der Zeit mit kostbar gewandeten Adeligen (meist Damen) aus verschiedenen italienischen Städten von Bologna bis Venedig. Zwei prächtige Ansichten zeigen den Markusplatz und den Hafen von Venedig. Wundersamen Einblick gewährt eine dargestellte Dame, die ihre auf Stelzen stehenden Beine unter dem Rock herzeigt. Eine andere Dame beobachten wir bei ihrer Frisurengestaltung auf der Terrasse. Besonders ausgefallen ist ein Sinnbild mit vier allegorischen Männerfiguren, die in Luft, Feuer, Erde und Wasser nach ihrem Glück suchen, wo es doch zentral im Bild vorhanden ist in Form einer nackten weiblichen Schönheit mit dem Spruchband "Seit ihr nit Narren alle vier: was ihr dort sucht, das hab ich hier". Mobilitätsformen der Zeit demonstrieren die Darstellung von einer Neapolitanischen Sänfte mit Dame und von einer Sienesischen Großkutsche mit etlichen dicht gedrängten Herren.
Stellenw. etwas finger-, vereinzelt stockfleckig. Die Gouache mit dem Markusplatz im unteren Teil etwas berieben, Vorsätze etwas leimspurig. - Ein hs. älteres Verzeichnis der Einträger liegt bei, ebenso ein hs. Auszug aus der Zeitschrift 'Bohemia' vom 30.XI.1890. - Provenienz: Hartung & Hartung, Auktion 119 (2008), Los 29 u. Hartung & Karl, Auktion 3 (1973), Los 30.
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(verkauft)
Maupertuis, Rélation du Voyage de Laponie
Maupertuis, P. L. Moreau de. Rélation du Voyage de Laponie. Französische Handschrift auf Papier. (Nach 1736). 4to. Blattgr. ca. 25:19 cm, Schriftspiegel ca. 17:12,5 cm. 186 S. Schlichter Halblederband um 1800, restauriert.
Manuskript des nur in gekürzter Form gedruckten Originalberichts von Maupertuis' denkwürdiger Lapplandreise (1736-1737), mit eigenhändigen Korrekturen. Die von Maupertuis angeführte wissenschaftliche Expedition diente exakten Meridianmessungen am Polarkreis und bestätigte durch ihre Ergebnisse Newtons Theorie über die Abplattung der Erdkugel an den Polen; eine parallel in Südamerika am Äquator tätige Expedition wurde von La Condamine geleitet. Die französischen Teilnehmer der Expedition gingen am 2. Mai 1736 in Dünkirchen an Bord eines Schiffes, das sie zunächst nach Stockholm brachte. Es handelte sich neben Maupertuis um Alexis-Claude Clairault (1713–1765), Pierre-Charles Le Monnier (1715–1799), Charles-Etienne Camus (1699–1768) und Réginald Outhier (1694–1774). Von Stockholm, wo Anders Celsius hinzustieß, ging es nach Torneå (finnisch Tornio) am Nordufer des Bottnischen Meerbusens, das als Basis diente. Der vorliegende Bericht setzt am 6. Juli 1736 ein. Er enthält zahlreiche Details über Verlauf der Expedition, die unter großen Strapazen vor sich ging, und das Leben der Bewohner. Die Rückreise begann im Juni 1737.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition publizierte Maupertuis in seinem Buch "La figure de la terre, determinée par les observations" (Paris 1738). Dort findet sich als erstes Kapitel "Discours qui à eté lu dans l'assamblée publique de l'Académie royale des sciences, le 13 novembre 1737. Sur la mesure du degré du méridian au cercle polaire" (S. 1-78), eine gekürzte Fassung des vorliegenden Berichts. Das vorliegende Manuskript hat Maupertuis vermutlich einem Sekretär diktiert oder es von einer Rohfassung abschreiben lassen, es enthält allerdings eigenhändige Korrekturen, z.B. auf den Seiten 28, 64, 72, 95-96, 98 und 135. Im Rand finden sich stellenweise spätere Bleistiftmarkierungen und Seitenzahlen einer Druckausgabe, durch die sich die Auslassungen in der gedruckten Fassung nachvollziehen lassen.
Vorderer freier Vorsatz verso mit eigenhändigem Besitzvermerk "Ex libris F. De la Mannais", d.i. der Priester und Philosoph Félicité de La Mennais (Lamennais; 1782-1854). Im Auktionskatalog seiner Bibliothek ("Catalogue de livres rares et précieux provenant de la bibliothèque de M. F. de La Mennais, dont la vente ... le 2 janvier 1837... " Paris 1836) ist vorliegendes Manuskript auf S. 133 unter der Nr. 2106 verzeichnet.
Vorderer Spiegel mit einer beschädigten Polkarte in Kupferstich beklebt. Zu Beginn eingebunden ein Kupferstich aus einem mehrbändigen Werk: "Famille de Lapons". Unbeschnitten. Etwas gebräunt u. vereinzelt etwas fleckig. - Dazu: P. L. Moreau de Maupertuis. Eigenhändiger Brief mit Unterschrift. Berlin, 17. August (17)51. 4to. 2 S. - Ermöglicht einen unkomplizierten Schriftvergleich mit den eigenhändigen Korrekturen.
Unabridged version of Maupertuis' report on the expedition to Lapland. This report is known only in the abridged printed version. Written by a secretary, with some corrections in Maupertuis' own hand (we join a 2-page signed autograph letter of Maupertuis for comparison). "(In) 1735 France sent an expedition to Peru under the leadership of La Condamine and another to Lapland under the leadership of Maupertuis. Clairaut, Camus, and other scientists accompanied the latter. The mission of each expedition was to measure as accurately as possible the length of a degree along the meridian of longitude. If, indeed, the earth is flattened toward the poles, as Newton had predicted, the degree of latitude should be shorter in far northern latitudes than near the equator. The voyage ... lasted over a year. The local base for the expedition's fieldwork was Torneå" (DSB IX, 186). - Uncut. Some browning throughout, some foxing here and there. Later plain half calf, restored. - From the library of the philosopher Félicité de La Mennais (or Lamennais; 1782-1854), with his autograph ownership note and recorded in the auction catalogue of his library (1837).
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